Weltumradlung von Markus Greter

19. Juni

Start zur Weltumradlungs-Etappe Nummer 29, hurra! Diesmal geht die Reise von Kaliispell an der US-amerikanisch/kanadischen Grenze nach Denver und Las Vegas.

Seit vier Tagen im Sattel. Der US- Bundesstaat Montana zeigt noch die kalte Schulter . Es herrschen kaum 16 Grad Celsius.

Montana heisst: vorne Wald. Hinten Wald. Rechts Wald und links Wald. 

Es regnet leider ununterbrochen, hmmm.

Die Schotterpiste wird allmählich etwas mühsam. Und im grössten Regen haben wir schon den zweiten Platten. Was ist los, Herr Meier?

Make Anerica Great again. Patriotismus all over.

Mir wäre lieber: Make the sun great again. Kann es vier Tage lang dauerregnen?

Aber wow: Debbie (rechts im Bild) lädt uns mitten in der Dauerpisse zu ihr auf den Bauernhof ein. Ihre Familie hat  1100 Kühe!

Wir erhalten nicht eine Scheune und nicht ein Gästezimmer zum Übernachten, sondern ein ganzes Gästehaus ... mit Küche und Stube und fünf Schlafzimmern. Und Platz, um das ganze Gepäck zu trocknen, hurra!

Der erste Pass in den Rocky Mountains: McDonald-Pass, 1989 Meter über Meer. Und klar: Es regnet.

Alles ist oversize: Die Bauernhöfe, die Autos und die Lebensmittel. Ein bisschen Hackfleisch als Zwischenverpflegung ...?

Am fünften Tag endlich die ersten Sonnenstrahlen. Wow!

Gemütliches Radeln am Canyon Ferry Lake.

Und das Beste: praktisch null Verkehr! Dafür jede Menge Rehe, Vögel und Weisskopfseeadler.

Wir übernachten hinter den Scheunen einer Farm ... und essen Fondue zum Znacht, hurra. Am Folgetag ...

... campen wir hinter einer Cowboy-Bar in einem kleinen Dorf. Echt wahr. Am Tresen hocken Cowboys, die gerade hoch zu Ross 145 Kühe über den Hügel getrieben haben. Bloss die Pferde sind leider schon weg.

Pass Nummer zwei in den Rocky Mountains. 1850 Meter über Meer, tolle Szenerie.

A propos Cowboys. Weshalb denn immer nur braune Stiefel, Boys? Das wäre doch mal was anderes, oder?

28. Juni 2018

Yellowstone Nationalpark. Wow! Suuuuper!

Die Sinterterrassen von Mammoth am Nordrand des Yellowstones. Die Gegend ist die geothermisch aktivste der Erde.

Fantastische Kreationen der Natur. Das Wasser ist ziemlich heiss ...

Weiter geht es gegen Süden. Offene Wiesenlandschaften, Seen, Flüsse und Bäche.

Das ist der erste der vier Zeltplätze im Nationalpark, die wir benutzt haben ... und der einzige, der nur HALBWEGS im Wald war. Alle anderen waren im dichten Wald, umgeben von nichts als Bäumen. Und bewirkten in Nullkommanichts eine Depression meinerseits. 

Kommen wir also lieber auf die tollen Dinge zurück: Wanderung auf den Mount Washburn, 3115 Meter über Meer. Es hat noch sehr viel Schnee hier oben ... und eine tolle Aussicht!

Allmählich geht es richtig ab. Norris, ein riesiges geothermisches Gebiet mit vielen Hexenkesseln. Es blubbert und zischt und speit.

Wer Farben mag, liegt hier goldrichtig. 

Im Yellowstone gibt es mehrere Dutzend Geysire ... über 50% aller Geysire der Erde sind hier! Der höchste ist der Old Faithful, seine Wasserfontäne ist 50 Meter hoch. Wesentlich spannender sind aber die kleineren.

Das ist mein Highlight: Grand Prismatic. Mit Farben wie aus dem Bilderbuch. Der Hammer!

Aber bleiben wir auf dem Boden. Weiter geht es mit der Wand links und der Wand rechts. Der Wald raubt mit die Sicht und den Atem. Und wisse: Bei jedem Baum sind etwa 100 Mücken.

Grand Teton Nationalpark.
Dieser Nationalpark ist weitgehend unbekannt ... und liegt im Süden des grossen Yellowstones.  

Sammelmail 1:
Teton-Nationalpark, Wyoming, USA


Hallo Leute

Herzliche Grüsse aus dem Nordwesten der USA! Meine Weltumradlungsetappe 29 begann vor zwei Wochen in Kalispell im Norden des Bundesstaats Montana, nahe der kanadischen Grenze. Diese jetzige Reise verbindet die Etappen 3 und 28 . Während sieben Wochen führt sie durch Montana, Wyoming, Colorado und Utah, durch prächtige Nationalparks, bewaldete Berge und trockene Wüsten. Das wird gut!
Auf der ersten Hälfte dieser siebenwöchigen Reise ist Steffi mit dabei. Sie war schon in der Slowakei, in Iran, Sudan, Bolivien, Uganda/Ruanda und Sambia mit von der Partie. Somit ist das die gemeinsame Reise Nummer 7.
Heute, Leser, starten wir mit Dauerregen und 1100 Kühen. Wir campen hinter Scheunen und Cowboy-Bars und fahren in den Yellowstone-Nationalpark. Dort halten wir, Leserin, stets eine Spraydose bereit, schauen dem riesigen Geblubber und Getöse der Geysire zu und werden im unendlichen Wald verstochen.
Viel Spass bei der ersten Sammelmail!


Dauerregen zum Auftakt

Klar, hat man alles dabei. Regenklamotten und ein paar Dinge gegen allfällige Kälte gehören zur Fixausrüstung. Doch wenn man gemäss Klimatabellen einen warmen, wenn nicht gar heissen Juni erwartet, ist die Frustration doch einigermassen beträchtlich, wenn man von a) saumässig kalten Temperaturen und b) Dauerregen in Empfang genommen wird. Zum ersten: Es war während der ersten fünf Tage kaum mal über 16 Grad warm, meistens auch nur 13 oder 14. Und zum zweiten: Es goss und schüttete nonstop. Es ist fantastisch, eine Tour so zu beginnen: mit Regenjacke, Regenhosen, Regenüberschuhen und dem Blick auf Grau-in-Grau-Landschaften ... falls man denn überhaupt etwas sehen konnte, denn meistens versperrten eine Million Bäume die Sicht. Hinten Bäume, vorne Bäume, rechts Bäume und links Bäume. Als ob der Regen nicht schon genug des Übels gewesen wäre. In China auf Etappe 21 war der Auftakt ähnlich feucht, und Indien während des Monsuns war ja auch kein Zuckerschlecken. Nun denn, es liess sich nicht ändern. Und immerhin konnte es wettertechnisch nur besser werden. Ist ja auch was.


Ein Engel namens Debbie

Mitten im strömenden Regen schenkte mir Herr Meier zwei Platten zum Auftakt, und als am dritten Tag die Schotterstrasse allmählich zur Schlammpiste mutierte, geriet die Motivation ein klein wenig in Schieflage. Wir fanden die Aussicht, irgendwo im offenen Gelände in dieser Dauerpisse campieren zu müssen, recht wenig erbaulich. Da überholte uns ein Jeep mit offener Ladefläche und hielt an. Zwei Frauen sassen im Wagen: Debbie und ihre Schwiegermutter. Die beiden luden uns angesichts des Hudelwetters sogleich zu sich auf den Bauernhof ein, zwei Kilometer weiter vorn, und auf dem riesigen Hof erhielten wir nicht nur ein Gästezimmer, sondern gleich ein ganzes Gästehaus mit Küche, Stube und fünf Schlafzimmern. Wow, das war vielleicht cool! Die beiden Frauen waren super und wurden wohl direkt vom Himmel gesandt. Nachdem wir ihnen versichert hatten, dass wir wunschlos glücklich seien und für das Znacht alles dabei hätten, waren sie von der Bildfläche verschwunden.
Die Küche verwandelten wir in kürzester Zeit in ein beträchtliches Chaos, denn nicht nur das triefend nasse Zelt von der vorherigen Nacht wollte getrocknet werden, sondern auch alle Klamotten. Meine sogenannt wasserfesten Velotaschen waren offensichtlich auch nicht mehr wirklich dicht. Die Heizung lief auf Hochtouren.
Am nächsten Morgen waren wir zum Frühstück eingeladen, und die beiden Frauen erklärten, dass sie auf dem Hof 1100 Kühe halten. Ich fragte, wie viele Angestellte sie denn hätten, doch wurde mir erklärt: "Gar keine. Wir sind ein Familienbetrieb und machen alles allein!" Bei wichtigen Dingen würden sich die Bauern einfach gegenseitig helfen. Unglaublich. Sie seien, meinten sie, nicht etwa ein Grossbetrieb, die Nachbarn hätten 1600 oder 2000 Kühe.
Wir starteten mit Würstchen und Hackfleisch im Bauch ... und klar, es regnete. Was denn sonst.


Hinter Scheunen und Cowboy-Bars

Die nächsten Nächte zelteten wir im Hinterhof eines Getreide-Bauern und im Gras hinter einer Cowboybar. Echt wahr. Als wir mitten im Nirwana ein kleines Dorf mit einer Beiz vorfanden, war das an sich schon super, doch steigerte sich die Freude ins Unermessliche, als an der Bar ein halbes Dutzend Cowboys sassen. Sie hatten hoch zu Ross 145 Kühe über den Hügel getrieben und erfrischten sich nun in der einzigen Bar weit und breit. Mit den üblichen Lederüberhosen, Karo-Hemden und Cowboyhüten sassen sie O-beinig auf den Sesseln. Nur die Pferde waren leider schon weg. So schade. Aber immerhin, meine Cowboys waren ein Highlight, und die Bar war uns sogleich so sympathisch, dass wir gleich daneben unser Zelt aufschlugen. Falls dann doch noch Cowboys mit Pferden auftauchen sollten, wollte ich gewappnet sein.

 

Wyoming

Der Bundesstaat Wyoming ist der am dünnsten besiedelte der ganzen USA. Auf eine Grösse, die das sechsfache der Schweiz entspricht, leben nur 580 000 Menschen. Es gibt also viiiiiiiiel Platz hier, das ist wunderbar. Wunderbar ist auch die Tatsache, dass mit dem Übertritt nach Wyoming die Sonne definitiv wieder "Dienst nach Vorschrift" tätigt, hurra, sie scheint täglich von morgens bis abends, es ist fantastisch. Allzu heiss ist es allerdings nicht, wir befinden uns dauernd auf mehr als 2000 Meter über Meer, und somit ist es über Nacht nur wenige Grade über dem Gefrierpunkt. Beim Zelten trägt man also doch wieder mehrere Schichten. Allerdings nicht nur der Temperatur wegen. Die Stechmücken machen einem das Leben ab und zu zur Hölle. Sie stürzen sich (vor allem während der Dämmerung) dutzend- und hundertfach auf uns, und das selbst auf 2600 Metern. Diese Miststücke stechen auch durch dünne Kleider hindurch, grrrr. Wesentlich mehr Sympathie ernten die vielen Rehe und Hirsche am Strassenrand, Weisskopfseeadler ... und Bären. Yes: auf in den Yellowstone Nationalpark!


Der Spray zum Glück

Diverse Leute hatten uns empfohlen, uns gegen allfällige Bären zu wappnen. In Montana und Wyoming gibt es viele Schwarzbären und Grizzlys. Wenn man campiert, muss man die Essensvorräte in bärensichere Boxen verstauen oder in die Bäume hängen. Zudem wird geraten, sich mit einer Waffe zu schützen. Wenn sich die Einheimischen lange im Freien aufhalten (zum Fischen, zum Zäunen oder sonst irgendwie), haben sie meist ein Gewehr mit dabei. (Und klar, sie haben für Donald Trump gewählt, die Leute hier sind erzkonservativ.) Natürlich könnten auch wir eine Flinte kaufen; im Supermarkt kann man sie genauso wie Milch oder T-Shirts aus dem Regal nehmen und an der Kasse bezahlen, man muss nur 16 dafür sein. Aber für uns zartbesaitete Europäer ist das nix. Für uns gibt es im Supermarkt den homöopathischeren Bärenspray. Gleich am ersten Tag kauften wir so ein Teil und führen die Dose nun auf Schritt und Tritt mit uns herum. Wohlverstanden, wir kauften EINEN Spray. Nicht zwei. Falls uns nachts also jemals ein Grizzly als sein Abendessen interpretieren sollte, können wir - zackzack - den Spray hervorholen und die trampelnd herannahende Unbill abwenden. Zumindest steht es so auf der Packung. Als ich dem ersten Bären gegenüberstand, war das aber am helllichten Tag, und unser Spray befand sich ein paar Kilometer weiter unten, denn Steffi und ich fahren stets unterschiedlich schnell. Ich warte einfach alle 10 Kilometer oder so auf sie. Als der Schwarzbär neben mir war, hätte ich also durchaus vorsichtshalber mal den Spray gezückt. Aber wie gesagt, da war nichts mit Spray. Nun muss man sagen, dass ich nicht der einzige war, der fasziniert neben dem Schwarzbär stand. Ein Dutzend Autos blockierte die Strasse, zwanzig Leute stiegen aus ihren Fahrzeugen, und ein Parkwächter (keine Ahnung, weshalb der grad hier war) schrie lauthals und nervös herum: "Go immediately into your cars!". Tja, das hätte ich ja gern gemacht, doch HATTE ich einfach kein Auto, haha, und somit war ich also quasi berechtigt, zuvorderst dem Spektakel zuzusehen. Der Yellowstone-Nationalpark wird im Hochsommer täglich von 30 000 Personen besucht, und die meisten möchten gern Bären sehen. Also gingen die meisten Leute zwar in ihr Auto zurück, doch fuhren sie nicht weiter. Der Verkehr brach komplett zusammen. Den Schwarzbären interessierte das ganze Tamtam nicht im geringsten. Er schnüffelte sich entlang des Strassenrands durch die Wiese und machte sich nicht einmal die Mühe, seinen Kopf zu heben. Auf meinen Fotos ist also nur ein schwarzes Fellbündel mit zwei Ohren zu sehen, caramba. Und das, obwohl ich in Poleposition zu vorderst stand.
Der Spray traf effektiv eine halbe Stunde später ein ... und ist übrigens nach wie vor ungebraucht. Die Bären 2 und 3 waren viel zu weit weg. Nebst drei Bären sahen wir auch zahlrreiche Bisons (der fetteste nur wenige Meter von uns entfernt). Und gefühlte 20 Millionen Mücken. Aber lassen wir das Thema.


Der Hexenkessel der Erde

Der Yellowstone-Nationalpark gilt als die geothermisch aktivste Gegend der Welt. Die Hälfte aller Geysire weltweit sind hier zu Hause, es zischt und faucht und blubbert überall. Der grösste Geysir ist der "Old Faithful", er speit seine Fontäne alle 90 Minuten etwa 50 Meter in die Luft, doch erschienen uns all seine kleineren Brüder wesentlich spannender. Man kann dort viel näher ran. Meistens spuckt es heisses Wasser aus dem Boden, manchmal aber auch Dampf oder dickflüssigen Dreck. Ein Riesenspektakel. Radelt man auf der spannenden Strecke von Norden nach Süden durch den Park, legt man über 200 Kilometer zurück ... und kommt immer wieder an diesen Hexenkesseln vorbei. Durch ausgespucktes Schwefel und Algen werden fantastische Gebilde geformt: Sinterterrassen in weiss und gelbbraun, mondartige Ebenen, farbenfrohe Seen. Der bunteste dieser Seen ist der "Grand Prismatic". Türkisfarbenes Wasser wird hier fotogen von diversen Gelb-, Sand- und Brauntönen eingerahmt.
So fantastisch all die vielen Hexenkessel sind, die Gegenden dazwischen können einen ganz schön fertig machen. Oft fährt man stundenlang durch einen Kanal in dichtestem Wald, will heissen, die Bäume stehen wie Bollwerke links und rechts und rauben mir nicht nur die Sicht, sondern auch den Atem. Da man nicht wild campieren darf, ist man auf die Campingplätze angewiesen. Hier gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Auch wenn die Campingplätze ausgebucht sind (absolut normal im Hochsommer), dürfen die Velofahrenden immer hier zelten, es gibt extra Velofahrer-Zeltplätze. Und die schlechte: Die Campingplätze sind praktisch immer im dichten Wald. Nach der dritten Nacht im Epizentrum der Dunkelheit und dem Hoheitsgebiet von 20 Millionen Mücken (ich glaube, ich habe es schon erwähnt) kriegte ich doch definitiv die Krise. Steffi tickt diesbezüglich ähnlich, zu viel Wald bekommt ihr ebenfalls schlecht. Aber wir wollen uns nicht beklagen, wir haben ja gewusst, dass der Yellowstone keine baumlose Wüste ist. Und die Freude über die Hexenkessel, die tollen Pässe und erklommenen Berge vermochte die Wald-Depression doch bei weitem zu überflügeln.
A propos Wald. In Europa wird immer ein Riesengescheiss gemacht, wenn irgendwo in den USA wieder mal ein Stück Wald abfackelt. Tatsache ist: Wo die Wälder abgebrannt sind, erneuern sich die Böden, es gibt Licht, und in kürzester Zeit wachsen Blumen, Sträucher und neue Bäume empor. Immer wieder stehen vor gänzlich abgebrutzelten Wäldern, die nur noch aus toten, schwarzen Pfähle bestehen, Tafeln der Nationalparkbehörden, und in grossen Lettern wird dort nicht über die Flammen geflennt, sondern der wunderbare Neuanfang beschrieben. Die US-Amerikaner sind hier, wie so oft, völlig easy drauf. Der Tod des Alten ist perfekt für den Neubeginn. Dass hier meilenweit kein Mensch wohnt, entgeht der europäischen Sichtweise meistens. Alles ist eben riesig hier. Alles ist oversize: Nicht nur die Waldgebiete, sondern auch die Portionen auf den Tellern und die Autos. Unglaublich, mit was für Riesenschiffen die Amis durch die Gegend fahren.

Nach fünf Tagen im Yellowstone und deren zwei im Teton, der südlichen Fortsetzung, freuen wir uns nun wieder auf das "normale" US-Leben. Auf Bauernhöfe, auf Debbies, auf Bars und Cowboys.


Neuer Blog

Auf meiner Internetseite www.bikeforever.ch gibt es neu einen Blog, auf dem ihr laufend Bilder der aktuellen Reise sehen könnt. Wenn immer ich WiFi habe, lege ich wieder ein paar Bildchen auf den Blog. Wenn ihr also auch optisch etwas mitreisen möchtet, welcome!

 

Bisherige Strecke: Kalispell - Helena - Livingston - Yellowstone-Nationalpark - Teton-Nationalpark

Bisherige Kilometer: 904

Bisherige Platten: 2

Bisherige Höhenmeter (nur bergauf gerechnet): 7380

Es geht mir bestens!
Kus oder Cusco (je nach sozialem Umfeld)

 

Teton-Nationalpark, Wyoming.

Aber Vorsicht. Hier hat es sehr viele Bären. Grosse Gebiete sind mit Wanderverboten versehen.

Die Parkbehörden haben überall Leute stationiert ... und Informationswagen. Nun sollte man bloss noch wissen, wie viel ein Yard und ein Fuss sind ... und eine Unze, eine Gallone, ein Pint, eine Meile, ein Inch und und und.

Endlich wieder mal ein saftiges Steak, yeah!

Was macht klein Markus an einem Ruhetag? Er geht Velofahren. Super. Der Idiot setzt sich am Ende in einen Kaktus, und Steffi muss zu Hause mit der Pinzette die Stacheln aus dem Hintern holen. Was für ein toller Ruhetag ...

3. Juli 2018

Stillleben in der Prärie Wyomings, Teil 1.

Stilleben in der Prärie Wyomings, Teil 2.

Stillleben in der Prärie Wyomings, Teil 3.

Im Stadtpark der kleinen Stadt Lander darf man ganz offiziell zelten ...  und erst noch kostenlos. Super Sache!

Wer in Wyoming nach Südosten fährt, hat gut lachen: Rückenwind vom Feinsten und ohne Ende. Wer umgekehrt fährt, flucht fürchterlich und kommt nicht vom Fleck. Wir fahren nach Südosten ...!

100 Kilometer bis zum nächsten Dorf.

Obwohl Dorf ganz schön übertrieben sein kann. Jeffrey City besteht nur aus der Tankstelle und einer Beiz. Immerhin, die Beiz hat eine schräge Beizerin (sie schiss uns beim Eintreten grad mal zusammen), einen versoffenen Beizer und einen Fernseher, hurra. Morgens um 8 starrten wir in die Glotze und sahen die Schweiz gegen Schweden untergehen. Scheiss-Schweden.

Aber halt. Jeffrey City hat noch was: eine tolle Kirche. Für Velo Fahrende ein Segen, hier nächtigt man gratis, sogar eine Küche und Duschen hat es. So innovativ können Kirchen sein.

Man glaubt es kaum. Bestimmt 15 Velofahrer übernachteten hier. Und immer das gleiche Bild: Entweder sind sie blutjung oder Rentner. 

So macht man in der Prärie Wyomings einen Familienausflug. Mit Quats. Pro Person natürlich einem!

Die Greenhorns fahren Velo. Rauf auf den Coninental Divide, die Wasserscheide Nordamerikas.

Wasser holen wir aus Bächen und Stauseen. sehr oft bieten die einheimischen Autofahrer aber Wasser an ... oder stellen eine Kühltruhe mit Wasserflaschen an den Strassenrand!

Rauf und runter, rauf und runter auf Schotter. Meistens zwischen 2000 und 2500 Meter über Meer. Der Mountainbike-Trail ist möglichst nahe der Wasserscheide, immer fahrbar und möglichst ohne Asfalt.

Und klar: viel zelten!

Jede Menge Cowboyhüte, Westernstiefel, Jeans- und Karohemden: Rodeo in Steamboat Springs!

Mein Westernheld Nummer 1. Mit rosafarbenem Hut und Plastikpistole.

Der Stier-Reiter macht sich bereit ... mit Sturzhelm!

Es gibt sieben Disziplinen mit Stieren und Pferden ... und jede Menge Klamauk.

Weiter geht es auf dem Great Divide Trail. Der Aufstieg auf den Lynx Pass ist super, ...

... allerdings wird die Schotterstrasse zunehmend schitter.

Als ich glaube, uns vollends im Nirwana verfahren zu haben, beginnt es bald zu regnen. Hmm. 

Unser Zeltplatz ist alles andere als ideal. Um das Zelt schleicht ein Wolf, der Bärenspray ist griffbereit. Allem zum Trotz: Wir schlafen prächtig!

Anderntags die Entwarnung: richtige Piste, kein Bär hat uns gefressen, und die Sonne scheint wieder prächtig. Aber nicht einfach ist das Fahren.

Blick auf den noch jungen Colorado-River.

Der letzte Tag für Steffi: See bei Breckenridge auf 2800 Meter über Meer. 

Hallo Leute

In der Schweiz heissen sie St. Moritz, Zermatt und Gstaad, in Colorado sind es es Aspen, Vail und Breckenridge: die grossen Namen der Wintersportorte! In letzterem, nämlich Breckenridge unweit der Stadt Denver, sind wir heute angekommen, und ich geniesse beim Schreiben im improvisierten Büro vor dem Motelzimmer eine spannende Aussicht auf den mondänen Ort mit alten Schuppen aus Goldgräberzeiten, Saloons, Gondelanlagen, Skiliften und Sprungschanzen. Wunderbar. Von Sprüngen nicht mit den Skiern, sondern mit dem Velo geht es in dieser zweiten Sammelmail. Ich berichte, Leserin, von einem Ruhetag mit Stacheln im Hintern, der Jagd nach einem Fernseher, einer innovativen Kirche und den Kampfrentnern von Jeffrey City. Dann kaufen wir, Leser, jede Menge Proviant ein, kämpfen uns auf die Wasserscheide Amerikas, erhalten einen Schweizer Bonus und pilgern zu einem Rodeo. Viel Spass beim geistigen Mitradeln!


Ein Ruhetag, hurra

Zwei Wochen waren wir nonstop auf dem Velo gewesen, in Dubois kam endlich der Tag, an dem man genüsslich sagen konnte: "He, morgen machen wir mal Pause!". Dubois (sprich Dübois) gefiel uns ganz ausserordentlich. Nicht nur war es mit 950 Einwohnern die grösste Stadt seit fast zehn Tagen, nein, es war auch ein sehr sympathischer Ort. Endlich mal wieder "normales" Leben nach einer Woche in Nationalparks; mit Bars, Kneipen, Läden, Motels und einer Wäscherei. Na prächtig. Nach vier Zeltnächten war uns ein Motel grad recht. In den Läden wurden primär Artikel für Fischer, Jäger und Baumfäller angeboten, und was das Thema "Beizen" anbelangt, lechzten wir schon seit Tagen nach einem saftigen Steak. Dubois bot alles. Kein Wunder, war uns der Ort grad subito ans Herz gewachsen. Im "Cowboy Café" feierten wir Steffis Halbzeit und liessen es uns gut gehen. Yes, hier machen wir einen Tag Pause, hurra.
Am Morgen dieses freien Tages verkündete Steffi zufrieden, heute würde sie nichts tun. Ich konnte das irgendwie so halbwegs verstehen, aber so wirklich GAR nichts? Während ich die Wäsche in die Wäscherei brachte, eine halbe Stunde danach die ganze Ladung in einen Tumbler schmiss und später die ganze Wäsche faltete, las sie in dieser dunklen Höhle von Motelzimmer ein Buch oder schlief, und das tat sie auch noch, als ich Herr Meier putzte und ölte und liebkoste, schliesslich hatte er seit den Mätzchen der ersten drei Tage nun immer perfekt und pannenfrei mitgespielt. Steffi las oder schlief noch immer. Ich speedete um 12 Uhr mittags in eine Schummer-Bar und schaute mir den Fussballmatch Portugal-Uruguay an (shit, schon wieder keine Punkte im Tippspiel), und als ich zurückkam, fand ich, dermassen NICHTS tun wie Steffi, das gehe doch nicht, denn sie las oder schlief noch immer. Sie fand, ich sei einfach unglaublich nervös und zappelig wie Rumpelstilzchen, na wunderbar. Ich plante die Strecken der nächsten Tage und sattelte dann das Velo. Ein Ruhetag, fand ich, ist ja zum Vergnügen da, und Velofahren ist doch nach wie vor das grösste Vergnügen, nicht wahr? Mit frisch gewaschenen Kleidern und dem frisch geputzten Herr Meier plante ich jenen Mountainbike-Trail zu fahren, der eingangs des Orts ausgeschildert war. Steffi fand, ich spinne, aber Hauptsache, ich störe sie nicht weiter im Nichtstun. So fuhr ich also auf einem kleinen Schotterweglein auf den Hügel hinter dem Städtchen und genoss die tolle Aussicht. Eine Familie mit unglaublich vielen Kindern war zu Fuss und mit einem Auto (alle Kinder hätten wohl nicht im Auto Platz gehabt?) ebenfalls dort hochgepilgert und schaute mir nun zu, wie ich mit dem Velo den Mountainbiketrail hinunterfuhr. Ich bin Langstreckenradler, nicht Biker, und also muss es ziemlich übel ausgesehen haben. Da war nichts mit Hinunterfetzen, ich hockte dauernd auf der Bremse. Aber klar, ich wollte eine anständige Show bieten. Während die ganze Familie meine Fahrt mit dem Feldstecher verfolgte, fand ich, ich müsse nun ganz kurz anhalten, um ein paar Fotos zu schiessen. Sorry guys, es geht gleich weiter. (Das war wie der kurze Werbeunterbruch beim Thriller, bloss nicht wegzappen.) Als ich also in die Knie ging, um eine Prachtsfoto von Herr Meier mit Single-Trail-Hintergrund zu schiessen und entschied, die Foto wäre bestimmt von noch etwas tiefer unten NOCH besser, hockte ich mich hin, ohne mich umzusehen, denn unter mir war ja wohl bloss Wiese. Nun, diese Vermutung war falsch, denn unter meinem Hintern war nicht nur Wiese, sondern auch so ein saublöder Kaktus, und wenn ich sage, ich habe mich hingesetzt, stimmt das nur für einen Bruchteil einer Sekunde. Den Hintern bereits voller Stacheln, versuchte ich mich noch mit der Hand abzustützen, doch brachte das nichts ausser der Tatsache, dass nun die Hand ebenfalls voller Stacheln war, und also juckte ich auf und hüpfte jaulend herum, wie Rumpelstilzchen eben. Da hatte Steffi ja recht gehabt. Herrgott, so ein Scheiss. Das tat höllisch weh, auch wenn die Stacheln nur ganz klein waren. Ich konnte nicht anders, als die Hose hinunterzuziehen, um die Stacheln aus der Pobacke herauszuziehen, und wenn ich schrieb, die Werbepause sei immer vor dem spannendsten Filmmoment, stimmt das mit Sicherheit, denn die kinderreiche Familie klebte noch immer an den Feldstechern und lachte sich wahrscheinlich einen Schranz in den Bauch. Der Mountainbiker war unten ohne. Die Show war irgendwie in die Hose gegangen. Aber mal ehrlich: Kannst du dir selbst Stacheln aus dem Po fischen? Nein, das geht ziemlich schlecht. Halb heulend, fuhr ich den Rest der Piste im Stehen herunter, denn sitzen konnte ich nun wirklich gar nicht mehr, stürzte ins Motel und legte mich bäuchlings aufs Bett, damit Steffi, mit Taschenlampe und Pinze bewaffnet, die restlichen Stacheln aus meinem Hintern holen konnte. So war also ihr Tag des Nichtstuns doch noch mit reichlich Aktivität bereichert. Sie betätigte sich als Krankenschwester und stellte am Ende die Frage, was nun besser sei: einen gemütlichen Tag mit Lesen und Schlafen zu verbringen oder nervös herumzutigern und dann als Stachelschwein zu enden. Hmm.

Den zweiten Abend in Dubois verbrachten wir nicht im Cowboy-Café, sondern in einem Restaurant, das zwei Schwestern just an jenem Tag eröffneten. Sie hatten eine alte Tankstelle in ein Speiselokal umgebaut. Mit warmem Essen war allerdings nichts, denn eine Küche fehlte noch gänzlich, sodass es nur Salate und Käse und dergleichen gab. Eigentlich hatte es fast nichts, das hungrige Radler (und ehemalige Stachelschweine) in Extase gebracht hätte, und der Charme des Lokals war der einer halbleeren Tankstelle. Keine Musik, nur die Tiefkühltruhe brummte, und der fragliche Höhepunkt waren das Geschirr und das Besteck. Alles aus Plastic. Gabel und Messer waren mitsamt einem Salz- und Pfeffer-Tütchen in einen Plastikbeutel einplastifiziert, genau wie in einer miesen Billig-Airline. Um den Laden für zahlungskräftige Touristen attraktiv zu machen, bedarf es also durchaus noch einiger Optimierungen. So schräg die Situation war, wir fanden das recht lustig. Und Hand aufs Herz, ich war schon zufrieden, dass ich wieder stachelfrei sitzen konnte.


Continental Divide

Die Wasserscheide Nordamerikas nennt sich Continental Divide. Von Alaska bis Mexiko hinunter verläuft die Zickzacklinie manchmal entlang der höchsten Berge der Rocky Mountains, manchmal aber auch mehrere hundert Meilen von den Bergen entfernt über Hochebenen. "Continental Divide" ist hier im Westen der USA ein Ausdruck, den jedes Kind zu kennen scheint, er ist auf vielen Karten eingezeichnet und in den Köpfen der Menschen fix verankert. Es gibt einen populären Wanderweg, der innerhalb der USA von der kanadischen bis zur mexikanischen Grenze verläuft: den Continental Divide Trail. Wer ihn unter die Füsse nimmt, wandert fünf bis sechs Monate. Der europäische Jakobsweg erscheint dagegen als Sonntagsspaziergang. Auf dem Continental Divide gibt es keine Herbergen, der Trail verläuft meistens sehr abgelegen, und die Wandersleute leben ein extrem hartes Leben. Die paar Typen, die wir getroffen haben, sind meistens allein unterwegs, haben nur das Allernötigste mit dabei und verzichten fast immer auf Obst und Gemüse und dergleichen. Sie schlucken eher Trockenfutter und Vitamintabletten. Wasser gibt es an Bächen.
Der Continental Divide Trail ist ausschliesschlich zu Fuss machbar. In den Achzigerjahren hatten einige Fahrrad-Junkies die Idee, die Nord-Süd-Durchquerung der USA auch für Velofahrende zu erschliessen, und bald wurde in der Folge der "Great Divide Trail" aus der Taufe gehoben. Der Trail verläuft ebenfalls möglichst nahe der Wasserscheide, führt aber über fahrbare Strässchen und Schotterpisten. Auf einigen Abschnitten benutzen die Wanderer und die Velofahrer die gleichen Wege, meistens aber sind sie schön getrennt. Wer den ganzen Trail von der kanadischen bis zur mexikanischen Grenze pedalt, ist etwa zwei Monate unterwegs ... grossmehrheitlich auf Erd- und Schotterstrassen und mit grossen Höhendifferenzen.
Ich wollte unbedingt einen Teil dieses Trails fahren, Steffi indes war stets ein bisschen skeptisch. Würde sie das schaffen? Würde es nicht zu anstrengend sein, und was ist mit dem Wasser? Ich hatte geplant gehabt, kurz nach dem Yellowstone- und Teton-Nationalpark auf den Mountain-Bike-Trail einzubiegen, doch die Erkenntnis, dass dort der Grossteil des Wegs in dichtem Wald stattfinden würde, fegte die Planung diskussionslos vom Tisch: dichter Wald, nein danke. Steffi frohlockte, das Projekt war vorläufig ad acta gelegt. Wir radelten also ein paar Tage auf Asfalt durch die Prärie, der nächste Versuch fand in der Kleinstadt Landers statt. Steffi war skeptisch, ojeoje. Die nächsten drei Tage würden wir komplett im Nirwana sein. Wir kauften Lebensmittel ein und starteten mit einem Berg Proviant, viel Wasser und herrlichem Rückenwind. 15 Kilometer fuhren wir auf der normalen asfaltierten Strasse, danach hätten wir auf den Biker-Trail (und in den starken Gegenwind) abzweigen müssen. Da kam die böse Erkenntnis: Ich Idiot hatte doch tatsächlich vergessen, die Benzinvorräte aufzufüllen. Die Flasche war praktisch leer. An einen Great Divide Trail war somit nicht zu denken. Steffi frohlockte: Der Trail war abermals vom Tisch, und der Rückenwind blieb erhalten. Somit verlief also auch der zweite Anlauf im Sand. Das Ganze hatte aber eine unglaublich positive Seite: Wenn wir vorläufig NICHT auf den Trail biegen und stattdessen auf der Asfaltstrasse verbleiben würden, hätte ich am Folgetag vielleicht die Möglichkeit, den Fussballmatch Schweden-Schweiz zu sehen, denn auf der Karte war ein klitzekleiner Ort mit Tankstelle eingezeichnet: Jeffrey City. Da gibt es womöglich einen Fernseher, hurra.


Jeffrey City

Abens um sechs fuhren wir in Jeffrey City ein. Wow, was für ein Ort. Er besteht aus drei Gebäuden: der Kirche, einem komplett heruntergewirtschafteten Motel (ist es überhaupt noch in Betrieb?) und der Tankstelle, die auch eine Beiz ist. Ich füllte meine Benzinflasche, und anschliessend betraten wir die Beiz, um eine Cola zu trinken und nach dem Fernseher zu fragen. Kaum hatten wir einen Fuss in den Laden gesetzt, wurden wir jämmerlich verbal von der Chefin zusammengestaucht. Was wir hier zu suchen hätten, fauchte sie uns unwirsch an. Ups, wir wussten nicht, dass man hier zuerst um eine Erlaubnis fragen muss, die Beiz betreten zu dürfen. Die Beizerin war ja vielleicht schräg. Aber wir erhielten, nachdem wir uns für die ungeheuerliche Frechheit, ihr Hoheitsgebiet einfach so betreten zu haben, zutiefst entschuldigt hatten, zwei Dosen Cola, hurra, und klein Markus war äusserst zufrieden: Es gab zwar kein WiFi und kein Telefon-Netz, aber in der Ecke thronte ein Fernseher. Mitten in der Prärie, mitten in Jeffrey City. Die Schweden fegen wir morgen früh aus der WM, hurra. Ich vergewisserte mich, dass der TV funktionierte und meldete mich gleich für den anderen Tag um 8 Uhr morgens an.


Die Kampfrentner der TransAmerica

Doch verbleiben wir noch etwas in Jeffrey City. Der Tag hatte auffällig viele Radler zutage gebracht. Wo kamen die bloss alle her? Bislang hatten wir nur ganz wenige andere Velofahrende angetroffen, plötzlich aber gab es solche wie Sand am Meer. Die meisten dieser armen Kreaturen fuhren uns allesamt entgegen, sie kämpften sich verbissen gegen den Nordwestwind, für den Wyoming bekannt ist, und machten mehrheitlich einen ziemlich abgekämpften Eindruck. Drei Taiwanesen klärten uns auf: Sie fahren allesamt die "TransAmerica"-Route, eine durchwegs asfaltierte Fernradlerstrecke von der Ost- an die Westküste. Der Trail ist etwas über 6000 Kilometer lang, und es gibt dazu perfekte Bücher, Apps, Karten mit Höhenprofilen, Übernachtungstipps und dergleichen. Alle Radler, die uns nun plötzlich entgegenkamen, fahren also genau die gleiche Strecke, und alle scheinen sie an den gleichen Orten zu übernachten, nämlich dort, wo es schön billig ist. Die drei Taiwanesen hatten uns auf ihren Karten und Apps gezeigt, wo wir die nächsten beiden Nächte am besten verbringen würden. In Landers sollten wir, meinten sie, unbedingt den "City Park" aufsuchen ... was wir in der Folge auch taten. Das war super, im öffentlichen Stadtpark ist Zelten ganz kostenlos, und während des Abends füllte sich die Wiese ganz beträchtlich mit Velofahrern. Die drei Taiwanesen hatten uns auch mitgeteilt, in Jeffrey City unbedingt die Kirche aufzusuchen, dort könne man kostenlos nächtigen, schwarzweiss stand es in ihren TransAmerica-Unterlagen. Und also suchten wir in diesem unglaublichen Präriekaff die Kirche auf. Ich würde sagen: Wir waren 16 oder 18 Velofahrende, die in der Kirche nun die Schlafsäcke ausbreiteten. Nicht zwischen den Kirchenbänken, sondern im grossen Raum direkt hinter dem Gotteshaus. Während der Schulzeit wird dort wohl Basketball gespielt, auf jeden Fall hat es Körbe an den Wänden. Offenbar kommen die Jugendlichen aus den weit verstreuten Bauernhöfen hierher, auch wenn es keine Schule gibt. Über die drei Sommermonate ist die Basektballhalle aber eine Unterkunft für Velofahrende, es gibt sogar Duschen und eine Küche. Die meisten Velofahrenden sind einheimische US-Amerikaner und entweder blutjung oder über 60, dazwischen gibt es kaum etwas. Die Blutjungen haben die Highschool oder das Studium hinter sich, die Kategorie der über 60-Jährigen sind Frührentner, und uns schien, sie seien von der eigenartigen Sorte. Die eine Frau war hysterisch, weil sie ihr Schneide-Messer nicht mehr fand, ein paar andere blockierten den ganzen Tisch mit ihren Lebensmitteln, und wieder andere fühlten sich bemüssigt, uns einzuweisen, was man hier dürfe und wo man gefälligst nicht schlafen dürfe. Locker war da keiner, aber ich vermute, der ständige Gegenwind hatte sie irgendwie alle meschugge gemacht. Die waren ja alle so verbissen. Wir nannten sie bloss noch die Kampfrentner. Da lobe ich mir all die Harley-Davidson-Fahrer, die mit ihren Töffs durch die Gegend brummen und eine riesige Lebensfreude ausstrahlen. Die meisten fahren mit dem T-Shirt und ohne Helm, die sind ja sowas von zufrieden mit sich und der Welt. Unsere Kampfrentner (mit Sandalen und Socken) gaben ein allzu beklopptes Bild ab. Aber Kampfrentner hin oder her: Die Initiative der Kirche ist super, und selbstverständlich hinterliessen wir eine schöne Spende in der Box.
Wir waren fast die letzten, die um 7.30 Uhr die Kirche verliessen, die Kampfrentner hatten schon um 5 Uhr morgens losgelegt. Kein Wunder, dann ist der Gegenwind meist noch human. Rechtzeitig waren wir wieder bei der bärbeissigen Beizerin, der Fernseher wurde eingestellt, und los ging es. Ihr Mann hatte noch den Suff vom Vorabend in den Gliedern, er pennte ungewaschen und verkatert auf dem Sofa in der hinteren Ecke und humpelte nur ab und zu an die Bar, um sich ein neues Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Er bot ein fast so jämmerliches Bild wie das Resultat des Fussballmatchs. Scheiss-Schweden.


Great Divide Trail, endlich

Im dritten Anlauf hat es geklappt. Steffi war skeptisch, klar, aber diesmal hielten uns weder Wald noch fehlendes Benzin von unserem Vorhaben ab. Wir kauften immense Mengen von Vorräten ein, füllten die Wassersäcke und starteten in der Kleinstadt Rawlings. Vier Tage Schotter, vier Tage hinauf und hinunter, vier Tage Great Divide Trail, hurra. Das war super. Immer wieder fand sich Wasser, sei es in einem entfernten Stausee oder in Bächen, und einmal stand auf offener Strecke irgendwo eine Kühltruhe mit eisgekühlten Wasserflaschen. "Für die Continental-Divide-Radler und -Wanderer", stand in grossen Lettern auf der Kühltruhe, und "Welcome in Wyoming!". Die Einheimischen sind unglaublich friedlich und hilfsbereit. Auf den grösseren Schotterpisten fuhren auch ab und zu grosse Vierrad- oder Sechsrad-Jeeps (echt wahr, die Amis haben so Megajeeps mit vorne zwei und hinten vier Rädern), und viele Fahrer hielten an und fragten, ob wir genug Wasser und Lebensmittel hätten, schenkten uns dieses und jenes und freuen sich, dass wir in ihrer Heimat Wyoming die Landschaft erkunden. Sie strahlen irgendwie alle die wunderbare Haltung aus, die uns wissen lässt, willkommen zu sein. Es scheint unerklärlich, wie in diesem Land so viele Massenschiessereien und Feindseligkeiten stattfinden können. Hier auf dem Land ist es unglaublich friedlich, weit weg sind die Städte, weit weg scheinen die Probleme.
Wir zelteten irgendwo auf dem Feld und hatten am Ende noch ganz viel Proviant übrig. Abgesehen von den vielen Steigungen von 8, 10 oder 11 Prozent auf Schotter und Kies war das letztendlich doch erstaunlich easy. Einigermassen gebeutelt waren wir am Ende aber trotzdem. Und legten nun in Steamboat Springs, einem freakigen Wintersportort, den zweiten Ruhetag ein. Ich verzichtete auf irgendwelche Sondertouren, die am Ende einen stachligen Hintern bedeuten könnten. Man lernt nie aus.

Jenes Wochenende war in den USA ein äusserst spezielles, denn am vorhergehenden Mittwoch war der 4. Juli, der Nationalfeiertag, und viele Einheimische machten die lange "Brücke", sodass die Ferienorte rumpelpumpelvoll waren. In Steamboat Springs, hatten uns alle versichert, würde es sehr schwierig sein, überhaupt ein Bett zu kriegen, und wenn, dann zu horrenden Preisen. Auf booking.com liess sich nichts finden. Nun, Glück muss man haben. Ich steuerte ein einziges Motel an, und der schrullige, 79-jährige Besitzer stellte sich als ausgewanderter Schweizer aus dem Bündnerland heraus. Von booking.com und Telefonreservierungen hält er nichts, das Mobiltelefon ist ihm grundsätzlich ein Graus. Man muss hier persönlich vorbeikommen und fragen, und er hatte, Heureka, noch genau zwei Zimmer, von denen ich eines zum Super-Switzerland-Vorzugspreis erhielt. So ein billiges Motel hatten wir noch nie. Und das am schwierigsten Wochenende des Jahres, hurra!


Rodeo

Wo auch immer man auf grösseren Strassen fährt: Es verkehren zahlreiche Trucks mit grossen Tier-Anhängern. In den meisten stecken Pferde oder Stiere, unterwegs zu den sommerlichen Rodeo-Veranstaltungen. Selbstverständlich wollten wir uns das nicht entgehen lassen. In Steamboat Springs bot sich eine perfekte Gelegenheit dazu. Wir pilgerten schon um 18 Uhr ins Rodeo-Gelände und kamen in den Genuss des doppelten Spektakels: Doppelt, weil vor der eigentlichen Veranstaltung schon ganz viel los ist und man voll auf die Kosten kommt. Ab 18 Uhr gibt es Barbecue ... und man kann wunderbar all die tollen Western-Helden bestaunen, die mit Hüten, Cowboy-Stiefeln und Karo- oder Jeanshemden den Festplatz besuchen. Wohlverstanden, ich rede nicht von den Rodeo-Teilnehmern, sondern von den Zuschauern. Keiner zu klein, um ein Western-Held zu sein. Am besten gefiel mir die neben uns sitzende Familie mit ihren drei Kindern. Die drei trugen volle Montur, die Mädels mit geschlechterspezifischen Farben, will heissen: Pinke Cowboyhüte und limonengelbe Stiefel, dazu Plasticrevolver. Es sah vor allem ulkig aus, weil die Girls noch nicht einmal ganz aus dem Kinderwagenalter heraus waren. Der Kinderwagen stand direkt hinter den pinkbehuteten Revolverheldinnen.
Auch die Erwachsenen halten mit US-Folklore nicht zurück, man watet in einem Meer voller Cowboy-Utensilien, auf der Bühne spielt die Country-Band.
Um 19.30 h ging es los mit einer herzzerreissenden Rede des Rodeo-Chefs, der in euphorischen Sätzen die herausragende Rolle der Vereinigten Staaten pries. Die USA, wusste er zu berichten, sei eine der am besten funktionierenden Demokratien der Erde, die Wiege des freien Denkens, das Highlight des Menschentums schlechthin. Die Leute jubelten. Als die Country-Band dann zur Nationalhymne überging, standen alle auf und sangen aus vollem Herzen. Das tönte echt super, es wurde sogar mehrstimmig gesungen, und bei einigen blieben die Augen kaum trocken. Mir schien, es würden alle den Text auswendig kennen. Ob man nun die USA und ihren ungebremsten Patriotismus mag oder nicht, ich finde einen gesunden Stolz auf das eigene Land fantastisch. Ein Zusammenstehen, ein "Wir"-Gefühl, das ist doch - solange es nicht ins Fanatische überschwappt - perfekt. Mit leiser Frustration dachte ich an den Fussballmatch der Schweizer gegen die Schweden. Wie viele hatten dort zu Beginn die Schweizer Hymne mitgesungen? Drei? Vielleicht vier? Ich fand das in hohem Mass peinlich.
Aber nun denn, nach der superpatriotischen Rede, unvorstellbar in Europa, und der Hymne ging es los, volle zweieinhalb Stunden lang.
Ein Rodeo im mittleren Westen besteht nicht nur aus einer einzigen Disziplin, sondern vielmehr aus derer sieben:
Die jungen Cowboys setzen sich mit einem Sturzhelm auf einen ausgewachsenen Stier und halten sich nur an einer Schnur fest, die um den Körper des Tiers gebunden ist. Die Stiere wollen die ungeliebten Wesen auf ihren Rücken natürlich möglichst schnell loswerden und toben wie verrückt. Gewonnen hat, wer die meisten Sekunden oben bleibt. Der Sieger schaffte immerhin etwa 7 Sekunden.
Genau wie a), bloss ist das Vieh unter dem Hintern der Cowboys nicht ein Stier, sondern ein nicht eingerittenes Pferd ... ohne Sattel wohlverstanden. Die Burschen (ebenfalls blutjung) halten sich bloss an einem Knauf.
Genau wie b, bloss sitzen die wilden Kerle auf einem Sattel. Das Obenbleiben ist dadurch aber nicht einfacher.
Zwei Reiter und ein junger Stier starten gleichzeitig aus der Box, einer der beiden Reiter stürzt sich in vollem Tempo auf den Stier und versucht ihn auf den Rücken zu legen.
Zwei Reiter und ein junger Stier starten gleichzeitig aus der Box, der eine Reiter schmeisst ein Lasso um den Stierkopf und der andere um die Hinterbeine, sodass der Stier sich nicht mehr bewegen kann.
Zwei Reiter und ein junger Stier starten gleichzeitig aus der Box, der eine Reiter schmeisst ein Lasso um den Stierkopf, und das Pferd bleibt stehen. Der Reiter pirscht dem Lasso entlang zum Stier, wirft ihn zu Boden und fesselt ihn an den Beinen.
Die Reiterinnen und Reiter (jetzt endlich auch Frauen) machen einen Parcours, den sie möglichst schnell bewältigen müssen, ohne die aufgestellten Tonnen umzuschmeissen.
Voila. Sieben Disziplinen, und alle superspannend. Das war mein drittes Rodeo respektive mein dritter Stierkampf. Beim ersten in Chile hatten die Reiter, wenn ich mich richtig erinnere, den Stier nur in eine Ecke drängen müssen, beim Rodeo in Mexiko wurden die Stiere vom Torero mit Lanzen getötet oder verletzt. Die nordamerikanische Version kommt also wesentlich pazifistischer daher, die Stiere werden allesamt nicht verletzt und springen am Ende allenfalls wütend, aber unversehrt von dannen. Das war ein tolles Spektakel!


Great Divide Trail, Teil 2

Diesmal musste ich Steffi nicht mehr gross bearbeiten, um ihr Okay zur Schotterpistenrallye zu erheischen. Sie fand ganz von selbst: "Klar doch, let's go!". Wir radelten nochmals zwei Tage über Wiesen und Felder, der Weg über den Lynx Pass führte auf luftige 2900 Meter über Meer. Nun muss man wissen, dass der Great Divide Trail nicht ausgeschildert ist. Wer ihn fährt, bezieht die genauen Routen-Infos aus einem Buch und Spezial-Landkarten. Ich riss einfach Seite um Seite aus meinem Buch heraus und legte sie in den durchsichtigen Deckel der Lenkertasche. Meistens klappte das Finden des richtigen Wegs hervorragend, nur einmal schien irgend etwas falsch zu laufen. Die Meilen- und Höhenangaben stimmten plötzlich nicht mehr, die Schotterpiste wurde zu einem miesen Karrenweg, und zu allem Übel begann es auch noch zu regnen. Und kein Mensch weit und breit. Beim Zelten an einem reichlich ungeeigneten Ort schätzte ich die Wahrscheinlichkeit, dass wir noch auf Achse sind, als nicht mehr allzu gross ein. Immerhin konnten wir in einer Regenpause das Zelt aufstellen und kochen, beim Ins-Bett-Gehen begann es wieder zu schütten. Ein Wolf schlich herum, der Bärenspray lag wie immer griffbereit im Zelt.
Am anderen Tag schien wieder wie üblich die Sonne, und bald zeigte sich, dass alles in bester Ordnung war: Wir waren auf Kurs, hurra, die Aussichten auf die Schluchten und Berge und Täler fantastisch. Landschaftlich war das der tollste Teil der Reise ... und gleichzeitig der Schluss für Steffi. Sie fliegt in zwei Tagen von Denver nach Hause. Von Breckenridge, wo wir uns befinden, gibt es direkte Flughafen-Shuttles in den zwei Stunden entfernten Hauptort Colorados, das ist ausnahmsweise hervorragend organisiert. Öffentlicher Verkehr über weite Distanzen ist in den Vereinigten Staaten ansonsten praktisch nicht existent. Die Leute fahren Auto, Punkt. Züge oder Busse verkehren kaum, die wenigen (veralteten) Greyhound-Busse peilen bloss grosse Städte an, und wer ohne Auto irgendwo hin möchte, ist meist auf verlorenem Posten. Zum Glück sind wir im Normalfall nicht auf solche Dinge angewiesen, wir haben Velos, und die fahren pannenfrei und perfekt. Ein Hoch auf Herr Meier.
In Denver fliegt nicht nur Steffi nach Hause, es kommen auch die Begleiter 2 und 3 angeflogen. Doch davon berichte ich dann gern das nächste Mal!

Cyndi aus Greeley mit Sohn Thommy. Sie war vor 35 Jahren Austauschschüleriin an der Kantonsschule Luzern. Ich besuchte sie nun in der Nähe von Denver. Greeley hat 100 000 Einwohner und liegt etwa 70 Kilometer nördlich der Stadt Denver ... und es fährt kein öffentliches Verkehrsmittel dorthin!

Flughafen Denver. Flächenmössig ist es der grösste der USA ... mit unglaublichen 121 km2! Die Architektur ist der Hammer, es gibt sogar Spielwiesen mit Federball- und anderen coolen Spielen.

Das Dach der Departure- und Arrivalhallen ist einem Tipi-Dorf nachempfunden. A propos Arrival: In Denver war fliegender Wechsel.

Die neue Besatzung ist da: Welcome Florin und Bandi! Florin ist mein kleinster Göttibub und erstmals mit dabei, Bandi war schon in Norwegen und Finnland mit von der Partie.

Start in Breckenridge auf 2900 Meter über Meer.

Was die beiden vor Ankunft nicht wussten: Gleich an ihrem ersten Tag ging es auf den höchsten Pass der Reise, den Boreas-Pass, 3480 Meter über Meer. Hehe. Das ist ein Start! Über den Pass führte einst zu Goldgräberzeiten sogar eine Eisenbahn.

Das alte Eisenbahn-Trassee ist nun die Schotterstrasse. 

Gute Stimmung auf dem Great Divide Trail, super Erdstrasse, tolles Wetter!

Der erste Campingplatz in Dreierformation. Und selbstverständlich hängten wir alles Duftende bärensicher  in die Bäume.

Am nächsten Tag beginnt es am Mittag zu regnen. Wir essen Hamburger in einer Beiz und haben seither alle Durchfall. Höhepunkt des Tages ist die Übernachtung. Den eingefallenen Stall konnte man perfekt umbauen. Dank Holz und einer Plache wurde eine Ecke schön trocken, hurra.

Perfektes Fondue in der perfekt wasserdichten Ecke. Das war ja sowas von romantisch!

Marshall-Pass, 3300 Meter über Meer.

24. Juli

Canyonlands-Nationalpark. Ein weitgehend unbekannter Nationalpark in Südost-Utah. Im Morgengrauen sieht das ganz toll aus. Wir haben ein Mietauto, die Distanzen sind gross.

Im Nationalpark gibt es tolle Gesteinsformationen. Hier ist die Stimmung noch prächtig. 

Hier ist die Stimmung nicht mehr allzu gut: Der Bub steckt in der Felswand fest und kommt nicht mehr vorwärts und nicht mehr rückwärts. Die Aktion dauert über anderthalb Stunden. Als der Junge endlich bäuchlings herunterkommt, ist der Rettungstrupp bereits unterwegs. Am Ende sind alle fix und fertig ...

Canyonlands-Nationalpark von oben.

Am nächsten Tag sind wir ganz artig. Arches-Nationalpark im Morgengrauen.

Nirgends gibt es so viele Stein-Brücken wie im Arches Nationalpark. Der längste ist über 80 Meter lang. 

Was soll man sagen? Fantastisch!

Was soll man sagen? Fantastisch Nummer 2!

Tolle Wanderung. Vorne hat es viele Leute, aber im hinteren Teil sind wir fast allein.

Hallo Leute

Herzliche Grüsse aus Moab, der Rafting-Hauptstadt der Vereinigten Staaten! In dieser Sammelmail, Leser, berichte ich vom Bus zu Cyndi, 121 Quadratkilometern Flughafen, dem fliegenden Wechsel meiner Begleiter, einem fantastischen Salatteller und einem zusammengekrachten Thron. Dann, Leserin, radeln wir auf Eisenbahntrassees die Pässe hoch, versuchen es nochmals mit einem Mietauto, klettern etwas zu viel und bestaunen Brücken aus Fels.
Viel Spass bei Sammelmail Nummer 3!


Ein Bus nach Greeley

Ich reiste einen Tag vor Steffi aus den Rocky Mountains nach Denver hinab, denn ich wollte eine alte Bekannte besuchen: Cyndi. Sie war vor 35 Jahren als Austauschschülerin ein Jahr an der Kantonsschule Luzern gewesen und hatte dort eine Parallelklasse besucht. Wir waren damals (noch jung und schön) ein paar Mal zusammen im Ausgang gewesen, hatten anschliessend aber keinen Kontakt mehr. Ich sah Cyndi nur noch ein einziges Mal an einem Geburtstagsfest einer gemeinsamen Freundin in der Schweiz. Von Cyndi wusste ich bloss, dass sie irgendwo in der Region Denver wohnt. Die Adresse war schnell ausfindig gemacht, und also schrieb ich Cyndi: "Hallo, ich bin Greti, Luzern 1983, erinnerst du dich?" Sie erinnerte sich, Welcome to Greeley! Diese Stadt hat 100 000 Einwohner und liegt etwa 80 Kilometer nördlich von Denver. Selbstverständlich würde ich bei Cyndi übernachten dürfen, die Frage war bloss: Wie kommt man nach Greeley? Unglaublich, aber nach Greeley fährt tatsächlich kein öffentliches Verkehrsmittel! Es hat zwar Stadtbusse innerhalb der Gemeinde, aber von ausserhalb kommt man weder in die Stadt hinein noch von dort wieder heraus! Unvorstellbar in der Schweiz, aber ganz normal in den USA. Die einzige Möglichkeit, immerhin in die Nähe zu kommen, schrieb Cyndi per Mail, sei der neue Bus, der seit ein paar Jahren zu Pendlerzeiten auf einen Park-and-Ride-Parkplatz in der Nähe fährt. Am Morgen bringt er die Pendler vom Parkplatz in die Stadt Denver, am späten Nachmittag wieder zurück. Diesen Bus zu benutzen, ist indes gar nicht so einfach. Um ein Ticket zu kaufen, braucht man die entsprechende App auf dem Handy, das Ticket ist dann ein paar Monate gültig. Um es wirklich zu entwerten, muss man es vor dem Betreten des Busses auf dem Handy aktivieren. So weit, so gut, bloss: Wenn man beim Einsteigen merkt, dass der Bus nun grad voll ist, hat man einfach Pech gehabt, denn im nächsten Bus, eine Stunde später, ist das Ticket bereits abgelaufen. Wie erwartet war das somit ein gewisser Stress, aber nun denn, ich hatte einen Platz im prallvoll besetzten Bus, und der Bus spuckte mich und ein paar andere auf einem Parkplatz an der Autobahnausfahrt Greeley-Loveland mitten im Senf hinaus. Hier war ich also, im öden Niemandsland zwischen den Städten Greeley und Loveland, auf irgend einem Parkplatz. Wie vereinbart tauchte Cyndi mit dem Auto auf, denn nach Greeley herein, ihr wisst es, fährt ja nix. "Aber das ist ganz nahe", meinte Cyndi, es seien nur 25 Kilometer. Haha!
Das Treffen mit ihr war schön, aber am ulkigsten ist effektiv die Reise dorthin ... und wieder zurück. Da Cyndi arbeiten musste, hatte sie Sohn Tommy aufgeboten, mich am Mittag wieder zum ominösen Parkplatz zu kutschieren. Der einzige Bus vom Parkplatz nach Denver während des Tages fährt um 12.35 h. Tommy war um 11.30 h Uhr noch im Tiefschlaf, und als er das auch um 11.45 h noch war, weckte ich ihn mal ganz vorsichtig. Völlig cool (und etwas verpennt) startete er seinen Wagen so gegen 12 h, fuhr ganz locker Richtung Westen und fragte dann, wo genau ich denn hin wolle. Er wusste zwar, dass er mich irgendwo hinfahren müsse, hatte aber leider keine Ahnung, wohin genau. Bei der Autobahnausfahrt hatte es nicht nur EINEN Parkplatz, sondern mehrere. Seelenruhig telefonierte er, nach erfolglosem Herumkurven, mit seiner Mutter und fand dann heraus, dass wir an der falschen Autobahnausfahrt waren, na wunderbar. Noch 7 Minuten ... Ich erwischte den Bus um Haaresbreite, und das nur, weil er eine Minute verspätet war. Uff.
Übrigens: Auslandaufenthalte wie jener von Cyndi im Jahr 1983 scheinen oft ein Leben lang Früchte zu tragen. Drei Freundinnen aus der damaligen Zeit waren in den letzten zwei Wochen bei Cyndi. Somit war ich der Schweizer Besuch Nummer 4. Kein Wunder, wirkte Sohn Tommy etwas übermüdet. Er hatte wohl bereits eine helvetische Überdosis.


Der grösste Flughafen der USA

Abgesehen vom öffentlichen Verkehr ist in den Vereinigten Staaten alles eine Schuhnummer grösser als bei uns: die Autos, die Einkaufscenter, die Portionen, der Körperumfang ... und auch die Flughäfen. Denver Airport ist mit 121 Quadratkilometern Fläche der grösste der USA. Unglaublich, ein Flughafen irgendwo im Niemandsland, 15 Mal grösser als der Flughafen Zürich, rundherum ist nichts zu sehen. Der Flughafen ist architektonisch der Hammer. Auf einer riesigen Plattform befindet sich eine riesige, halbwegs überdachte Liege- und Spielwiese mit Kunstrasen, Liegestühlen, Picknickplätzen und vielen Pflanzen. Man kann Federball und andere Dinge spielen, ein Gärtner sorgt sich um das Wohl der Gäste. Man fühlt sich nicht wie an einem Flughafen (die Flieger starten sowieso auf ein paar Kilometer entfernten Pisten), sondern eher wie in einem Freiluft-Spa. Ein Wunder, bot niemand Gratis-Fussmassagen an.


Schichtwechsel

Dass ich grad unbedingt nach Denver und von dort an den Flughafen musste, hatte durchaus seinen Grund. Am Flughafen von Denver war im wahrsten Sinn des Wortes fliegender Wechsel: Steffi flog nach Hause, und mehr oder weniger gleichzeitig landete die neue Besatzung: Bandi und Florin. Bandi war schon in Norwegen und Finnland mit dabei gewesen, Florin ist absoluter Weltumradlungs-Neuling. In Strophe 68 des Galileo-Herr-Meier-Lieds heisst es im ersten Teil:
"Die Steffi flügt vo Denver wieder zrugg, es git en Schnitt,
das Bandi chunt und bringt mis chliinschte Göttibüebli mit."
So ist es, Florin ist 17 und der jüngste meiner vier Göttibuben. Mit den beiden Neuen hielt ein vollkommen neuer Wind Einzug. Mit Steffi war es stets gemütlich gewesen, nun aber musste ich mich plötzlich sputen: Bandi und Florin sind Sportskanonen und fit wie ein Turnschuh. Vielleicht hatte ich es deshalb unterlassen, sie schon vor deren Ankunft über das genaue Programm der Reise zu informieren, was Steigungen und Pässe anbelangt. Die beiden flogen an einem späten Nachmittag ein, und gleich am nächsten Tag hatten wir den Boreas-Pass zu bewältigen. Er ist 3480 Meter über Meer, hurra! Das ist ja wohl ein Auftakt, nicht wahr? Ich informierte sie beim Frühstück. Meine Begleiter müssen ja nicht immer alles im Voraus wissen.

 

Tracy und der Salatteller von Hartsel

Mit dem Erreichen des Passes auf knapp 3500 Metern waren wir wieder auf dem Great Divide Trail, und also hiess es erneut: Schotter- und Erdstrassen, wenige Shops, wenig Wasser, grandiose Szenerie. Wasser und Benzin zu erhalten, war letztendlich meist problemlos möglich, wenn man denn in den wenigen Tankstellen und Häusern nachfragte. Zum Beispiel bei Tracy, der nicht mehr ganz jungen Bewohnerin von Como. Ja, Como! Es war, wen wundert es, von italienischen Auswanderern gegründet worden, und Tracy führt die kleine Poststelle, in der aber auch Felle und Indianerschmuck verkauft werden. Die Post war eigentlich schon zu, aber Tracy war noch da.
Jaja, meinte sie, sie habe zu Hause genügend Benzin. Sie holte daheim einen Kanister und füllte unsere Benzinflasche. Wasser erhielten wir ebenso, und Tracy meinte todernst: "Das Wasser in meinem Haus ist frisches Brunnenwasser, es ist eines der besten von ganz Como!" Ich war beeindruckt und fragte, wie viele Leute denn in Como wohnen. Sie überlegte nicht lange und meinte: "13!"
Die nächste Wasserstelle war das Dorf Hartsel. Es bestand aus nicht wesentlich mehr Häusern als Como, hatte aber eine wunderbare Beiz mit (wie so oft) schrägen Typen und fantastischen Dingen auf der Speisekarte. Draussen begann es grad zu regnen, und also war ein Mittagshalt perfekt. Florin und ich bestellten je einen Beef-Hamburger, Bandi einen Salatteller mit gebratenem Hühnchen. Florin und ich erhielten wenig überraschend einen Beef-Hamburger, Bandi einen Hühnchen-Hamburger mit einem Salatblatt. Das also ist ein Salatteller im Wilden Westen, haha: Ein Hamburger mit einem schlappen Salatblatt! Wir machten uns fast in die Hose vor Lachen.
A propos in die Hose: Die Hamburger (sowohl mit also auch ohne Salatblatt) waren wohl nicht ganz koscher, auf jeden Fall hatten wir anschliessend alle Durchfall. Aber egal, der Laden war lustig.


Der kleine Baumeister

Die Schotterstrasse mit Waschbrett-Oberfläche war anschliessend ziemlich übel, und netterweise setzte nun auch noch Gegenwind ein, was zusammen mit dem regnerischen Wetter eine insgesamt eher unsympathische Ausgangslage ergab angesichts der Tatsache, dass wir irgendwo zelten mussten. Das einzige Auto, das uns unterwegs entgegenfuhr, war jenes des Sheriffs.
Gebäude hatte es keine, nur ab und zu Kuhherden. Da kam ein komplett eingefallener Stall am Strassenrand grad recht. Wegen Einsturzgefahr hing ein Schild "Betreten verboten" an der Front, unterschrieben vom Sheriff. Aber wer will denn schon alle Wünsche befolgen. Wir fanden, der Stall sei super, und mein kleines Göttibübchen, handwerklich äusserst begabt und am Ende jeden Tages noch mit einer überbordenden Menge Energie befrachtet, fing sofort damit an, den Stall umzubauen. Wenn man mit den losen Brettern, die herumliegen, eine Ecke des Dachs wieder einigermassen instandstellt und das Ganze mit einer Zeltplache abdeckt, fand er, lasse sich doch eine prächtige Stube herrichten. Nach einer Stunde war der Palast erstellt, wir assen ein köstliches Fondue in der wasserdichten Ecke, und Florin zauberte mitten im Stall, aber doch unter freiem Himmel, auch noch ein Feuer hin. Wir hofften bloss, dass der Sheriff nicht wieder zurückfahren würde. Doch in der Nacht tauchten weder Sheriffs noch Bären auf, und also schliefen wir prächtig.

Abgesehen von jenem Nachmittag kamen die Regenklamotten nie zum Einsatz, meist schien die Sonne, und kreative Zeltplätze blieben die Regel. So auch eine einsame Holz-Hütte auf dem Dallas-Creek-Divide-Pass. Vor der Fertigstellung des Gehütts scheint das Geld ausgegangen zu sein, der Innenausbau ist noch nicht erfolgt, und aussen beginnt der Bau bereits wieder zu verfallen. Auf der grossen Veranda liess sich ohne Zelt (und gänzlich ohne Mücken) prächtig übernachten. Mit Backsteinen und zwei ausgehängten Fensterläden bauten wir einen Tisch, doch mein Patenjunge wäre nicht mein Patenjunge, wenn er nicht auch noch mindestens einen bequemen Stuhl errichen würde. Mit zwei weiteren Fensterläden und diversem Stoff errichtete er einen regelrechten Thron auf der äussersten Kante der Veranda, und ich freute mich schon auf den Moment, in dem sein formidabler Sitz zusammenkrachen würde. Nur schon die Vorstellung war köstlich. Die Freude wurde mir aber erst beim Frühstück gewährt. Der Boden unter der Rückenlehne war wohl doch etwas zu weich, der Thron brach zusammen, derweil der Blondschopf noch das Brot in der Hand hielt, und ich sage euch, Bandi und ich machten uns fast in die Hose vor Lachen. Perfekt.
A propos in die Hose: Der Durchfall war noch immer da.
Und die Fensterläden wurden am anderen Morgen natürlich wieder alle eingehängt, keine Bange.

Nun, mein Patenkind steigt auch auf Bäume, um den Proviant, den Abfall und überhaupt alles, das irgendwie Gerüche hinterlässt, bärensicher über Nacht zu verstauen, er fetzt wie eine Wildsau über die Schotterstrassen, lässt sämtliche Essensvorräte im Handumdrehen in seinem Magen verschwinden und knabbert manchmal an den Nerven der beiden Erwachsenen, wenn er mit jugendlichem Übermut ein paar Grenzen abtastet. Ein Teenager eben. Aber ein äusserst hilfsbereiter und geschickter. Als wir abends um 18 Uhr ein Freiluft-Museum (Stil Ballenberg, aber viel kleiner) besuchen wollten, war leider alles bereits dicht gemacht, ein Gittertor versperrte die Einfahrt. Kein Problem für den angehenden Mettallbauer, in wenigen Sekunden hatte er es fertiggebracht, das Gittertor ganz immissions- und schadenfrei zu öffnen, sodass wir (fast schon offiziell) hineinfahren konnten. Wie er das schaffte, war uns ein Rätsel, aber klar, wir sind auch nicht angehende Metallbauer. Der Besitzer der privaten Anlage fand unseren abendlichen Besuch (ohne Eintritt zu bezahlen) zuerst nicht so cool, doch Bandi hatte ihn mit ihrem weiblichen Charme bald um den Finger gewickelt. Er hiess uns willkommen, und wir sollten uns einfach umsehen. Dass Florin sein Gittertor im Handumdrehen (ein bisschen illegal) geöffnet hatte, war ihm wohl gar nicht bewusst. Am Ende stellte er den Originalzustand des Gittertors wieder her, sodass kein Mensch (und schon gar nicht der Besitzer) merken konnte, dass da mal was gebastelt wurde. Ich sagte ja, der Junge ist geschickt. Meistens funktionieren seine Kreationen bestens. Nur ab und zu kracht mal ein Thron zusammen, hurra.


Die perfekte Familie

Die meisten Leute fragen nicht, ob wir eine Familie seien. Sie gehen einfach davon aus, dass dem so sei. Ein Mann und eine Frau knapp über 50, dazu ein jugendlicher Bursche, na klar, the perfect family. Ab und zu fragen uns die Einheimischen: "Wie alt ist euer Sohn?" Zuerst machten wir uns die Mühe, die Dinge klarzustellen, doch bald wurde uns das zu blöd, und also geben wir uns im Normalfall als diese perfekte Familie aus. Die sportliche Familie macht Radferien.


Eisenbahnen und Strassen

Als der Goldgräberhype im 19. Jahrhundert einsetzte, versuchten verschiedene Eisenbahn-Gesellschaften, den Osten mit dem Westen der USA zu verbinden. Viele Bautrupps scheiterten; die einen an den schwierigen Bedingungen in den Rocky Mountains, die anderen an den Attacken der Ute-Indianer. Und jene, die ihre Gleise endlich verlegt hatten, konnten manchmal auch nicht anders als festzustellen, dass die Konkurrenz ein halbes Jahr früher fertiggeworden war. Sie gingen bankrott. Die wenigen, durchgehenden Linien (allesamt Schmalspurbahnen) wurden in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts wieder aufgegeben, die Schienen herausgerissen, die Trassees zu Schotterstrassen gemacht. Mehrmals fuhren wir auf dem Great Divide Trail über solche alten Eisenbahntrassees. Die Neigung ist nie grösser als 2 bis 3 Prozent, die Pässe lassen sich auf diese Art recht angenehm erklimmen. In einem Tankstellenladen erzählte uns der sympathische Jim von seinen Grosseltern, die zu Eisenbahnzeiten bereits jene Tankstelle betrieben. Die Eisenbahn, meistens mit Schafen bestückt, sei aber dauernd abgestürzt. Er grinste ganz beträchtlich, und Bandi war so fasziniert von seinen Schilderungen, dass sie mit dem Velo wieder ein paar Kilometer zurück fuhr, um die alten Lokomotiven und Orte seiner Schilderungen live zu sehen. Florin und ich labten uns in der Zwischenzeit am Handy (endlich mal wieder WiFi, hurra) und an der kühlen Cola. Zum Thema WiFi ist zu sagen, dass es wohl wenige Länder gibt, die eine schlechtere Abdeckung mit WiFi anbieten als die USA, sogar das hundskommune Telefonnetz ist meistens nicht vorhanden, sodass ganz Afrika geradezu paradiesisch daherkommt, und zum Thema Cola ist zu sagen: Ja, wir lassen keines aus. Eisgekühltes Coca Cola. Denn allmählich wird es heiss.


Moab

Im östlichen Utah, am Fuss der Rocky Mountains, liegt Moab, die Rafting-Hauptstadt der USA. Auf dem stolzen Colorado-River lassen sich mit Kanus, Schlauchbooten und Kajaks tolle Trips erleben. Doch dieses Jahr ist der Colorado ein allzu kümmerliches Rinnsal. Im Winter fiel (ganz im Gegensatz zu Montana) in den hiesigen Bergen nur sehr wenig Schnee, und zusammen mit dem fehlenden Frühlings-Regen ist eine ziemliche Trockenheit die Folge. Die Stauseen sind halb leer, die Flüsse trocken. So wurde aus dem geplanten Rafting-Trip nichts, sogar die Angestellten der Adventure-Büros, ansonsten auf das Verkaufen von Touren getrimmt, empfahlen, dieses Jahr auf solche Trips zu verzichten, zumal wir wohl enttäuscht sein würden. Tja. So lassen wir das halt sein. Moab ist aber auch sonst ein tolles Städtchen, mit Restaurants, Supermarkt und Autovermietungen. Letzteres ist ganz speziell von Vorteil, denn vor den Toren Moabs liegen gleich zwei tolle Nationalparks, die wir mit einem Mietauto unter die Räder nehmen wollten. Ein ähnlicher Versuch im Dezember letzten Jahres in Los Angeles war ja etwas desaströs verlaufen; das Auto war nach weniger als zwei Stunden bereits von der Polizei abgeschleppt worden (man sollte wohl nicht im Parkverbot parkieren), die Busse hatte satte 281 Dollar betragen, und als wir den Schlitten endlich wieder zurück hatten, war der Tag praktisch um. Diesmal wollte ich es (mit neuer Besatzung) viiiiiiiiel schlauer machen. Als ich das Auto geholt, vor dem Motel parkiert und die Handbremse eingelegt hatte, war alles in Ordnung, bloss klaute mir der Göttibuben-Schlingel den Schlüssel und begann, mit dem Wagen etwas auf dem Parkplatz herumzukurven. Es quietschte ganz fürchterlich, und die Hinterräder wurden einfach mitgeschleift. Es wäre sicher besser gewesen, die Handbremse zu lösen. Ab sofort rückte ich die Schlüssel nicht mehr raus.


Canyonlands-Nationalpark oder wie kommt man wieder vom Fels zurück

Den Canyonlands-Nationalpark mit dem Velo zu befahren, wäre natürlich möglich gewesen, allerdings ziemlich aufwändig. Der Nationalpark ist riesig und weitgehend eine Sackgasse, man muss auf der exakt gleichen, langen Strasse wieder nach Moab zurück. Wir legten an einem einzigen Tag unsägliche 400 Auto-Kilometer zurück. Der Park wartet mit tollen Gesteinsformationen auf, und die besten davon wollten wir am frühen Morgen auf einer etwa 12 Kilometer langen Wanderung erkunden. Wir starteten mit drei Liter Wasser und etwas Futter, das meiste beliessen wir indes im Auto auf dem allerhintersten Parkplatz. Andere Besucher waren rar, wir schienen fast die einzigen zu sein. Schön war es, bloss überschätze der Schlüssel-Klauer etwas seine Fähigkeiten, und bevor man dies so richtig realisierte, war er daran, einen der fast senkrechten Felsen emporzuklettern. Die Expedition erhielt plötzlich ziemliche Schieflage, als er weit oben am Fels klebend steckenblieb und weder hinauf noch hinunter konnte. Wir konnten ihn dort oben unmöglich herunterholen, ich schon gar nicht, und Bandi schaffte das auch als passionierte Klettererin nicht. Bandi und ich hatten unterschiedliche Strategien. Ich schrie hinauf, ich laufe nun im Eiltempo zum Visitorcenter und organisiere Hilfe, er solle einfach im Fels klebenbleiben. Bandi machte es anders und pochte auf Psychologie. "Wenn du dort hinaufgekommen bist, kommst du auch wieder herunter, du schaffst das!". Aber nach einer Stunde klebte er noch immer unverändert am Fels. Zwei Franzosen, die vorbeikamen, boten an, gleich zum Visitorcenter zu joggen und Hilfe zu holen, doch rief ich ihnen zu, sie müssten nichts tun, ich würde dies wohl gleich selbst machen. Die beiden rannten aber trotzdem wie von der Tarantel gestochen davon. Der Junge klebte derweilen noch immer am Fels und meinte, allmählich würde ihm die Kraft entschwinden. Es war einigermassen scheisse. Ich meinte, noch einen einzigen Versuch würde ich abwarten. Der Versuch dauerte weitere 20 Minuten, er rutschte auf dem Bauch auf einen Absatz herunter, der schwierigste Part war geschafft, der Rest würde einigermassen problemlos sein. Natürlich hätten wir uns aus dem Staub machen können, doch die Franzosen waren womöglich unterwegs und holten Hilfe. Also sprang ich nun den Fanzosen hinterher, um den Rettungstrupp zu stoppen. Ich jogge ja gern, und auch mittags um 13 Uhr bei 39 Grad sind 6 Kilometer kein Problem, bloss meine Lottergelenke fanden das Joggen mit normalen Turnschuhen auf steinigem Untergrund wie befürchtet eine schlechte Idee. Als ich den rechten Fuss im Stress zum ersten Mal übertrat, war das nach einigen Minuten wieder in Ordnung, doch beim zweiten Mal tat das doch beträchtlich weh. Ich humpelte weiter und schaffte es, den nur mit Steinmännchen markierten Wanderweg zu verlieren und mich mitten in der Halbwüste zu verlaufen. Das wurde ja immer besser. Als ich endlich im Visitorcenter eintraf, war der Hilfstrupp bereits unterwegs. Die Übung wurde per Funk abgebrochen, die Rettungsequipe kehrte mit Bandi und Florin zurück. Wir waren erstaunt, mit was für einer Ausrüstung die drei Typen aufgebrochen waren, wir hatten Seile, Bohrhaken, Karabiner und dergleichen erwartet. Sie hatten aber nichts dergleichen dabei, sondern nur einfach Revolver. Wollten sie den Jungen vom Fels herunterschiessen oder was? Anyway, sie waren überhaupt nicht erbost, sondern bestens gelaunt, und obwohl wir uns nach den Kosten der ansatzweise erfolgten Rettung erkundeten, wollten sie partour keinen Cent. Dass am Ende alle happy waren, wäre aber etwas übertrieben. Der Kletterheld war so wortlos wie nie, und ich humpelte mit einem geschwollenen Fuss herum. Wir waren alle fix und fertig.


Arches Nationalpark oder jetzt sind wir alle ganz artig

Geradezu action-frei ging der Folgetag über die Bühne. Keiner hatte Lust auf das Bezwingen von Felswänden, schon gar nicht der Jüngling, der wohl seine Lektion gelernt hat, und also machten wir ganz artig eine Wanderung zu einigen der fantastischen, fotogenen Felsbrücken. Nirgends auf der Welt gibt es so viele davon wie im Arches Nationalpark. Der grösste überspannt eine Distanz von fast 90 Metern. Ich humpelte etwas lädiert, doch allmählich lässt sich auch mit dem rechten Fuss wieder einigermassen normal laufen. Am Ende des Tages hatten wir einen Riesenspass, uns gegenseitig im Colorado-River mit Lehm zu beschmeissen und dabei vor Lachen fast in die Hose zu machen.
A propos in die Hose machen: Der Durchfall ist nun bei allen vorbei, hurra.
Das gegenseitige Sich-Beschmeissen mit Lehm war wohl definitiv lustiger als auf dem müden Fluss mit einem Kanu oder Schlauchboot hinzudümpeln.
Das Auto gab ich am Ende von zwei Tagen schadlos zurück. Wir fühlen uns stolz, es geschafft zu haben, ganz ohne Abschleppen ausgekommen zu sein. Na prächtig. Morgen geht es auf die Schluss-Etappe quer durch Utah. Auf dem Fahrrad ist es nach wie vor am besten.

Ach ja, falls ihr euch gefragt habt, wie denn die zweite Hälfte der Strophe 68 des Galileo-Herr-Meier-Lieds laute, hier ist es, mit leichten Augenzwinkern zu den Vorfällen in Canyonlands:
"De Florin baut tolli Unterkünft, und klättere chan er au,
Er fräset über d Schotterstrasse wie n e wildi Sau."
So ist es.

Das Radeln macht müde ...

Capitol Reef Nationalpark 

Capitol Reef Nationalpark ... mit alten Mormonenobstgärten.

Was für eine Hammerstrasse: Scenic Drive Highway 12 durch das Staircase Escalante National Monumen. Genial!

Kleine Abkühlung im Escalante River.

Staircase Escalante National Monument.

Bei Henrieville. Noch schön und warm.

Wenige Minuten später: Starkes Gewitter ...

... und Hagel.

Bryce Canyon im Regen ...

Bryce Canyon. Waaaahnsinn.

Der kleine Kletterhero ... diesmal ganz anständig.